Türkei

 

Nachdem 1990 mein Reiseführer über die Türkei erschienen ist, hatte sich eine junge, türkisch-stämmige Leserin aufgeregt und mich erbost angeschrieben.  

© Christian Buttkereit

Was war geschehen? Ich hatte an einer Stelle des Buches die Türkei als muslimisches Land bezeichnet. Zugegebenermaßen war diese Bezeichnung politisch nicht korrekt, denn in der türkischen Verfassung ist seit Atatürk der Laizismus verankert. Allerdings entsprach die Bezeichnung dem Eindruck, die ich als junger Autor durch meine bis dahin erfolgten Reisen durch die Türkei gewonnen hatte.
Heute würde sich über die Behauptung, die Türkei sei ein islamisches Land, kaum noch jemand aufregen, obwohl die Verfassung noch die gleiche ist. Das Beispiel zeigt, wie sich die Türkei seit Jahrzehnten in einem permanenten Umbruch befindet. Nach dem Militärputsch 1980 haben sich die verschiedenen Regierungen ans Werk gemacht, das Land in unterschiedlichste Richtungen zu entwickeln. Der wirtschaftsliberale Regierungschef Turgut Özal kurbelte den Massentourismus an. Tansu Ciller war die Frau im Ministerpräsidentenamt, musste sich aber mit Korruptionsvorwürfen auseinandersetzen. Der heutige Staatschef Recep Tayyip Erdogan gab der frommen Landbevölkerung eine politische Stimme. Er schaffte so etwas wie eine Mittelschicht, die es bis dahin nicht gab, ermöglichte Arbeitern eine Wohnung und ein Auto zu kaufen – wenn auch auf Pump. Gläubige Muslime rieben sich verwundert die Augen, als Erdogan vormachte, dass für ihn Islam und Kapitalismus keine Gegensätze sind. Seine neoliberale Politik wurde begleitet von neo-osmanischen Großmachtphantasien. Das gab vielen Türken ein neues Selbstbewusstsein und leistete dem Nationalismus Vorschub. Trotzdem ist Erdogan derjenige Regierungschef, der die meisten pro-europäischen Reformen voranbrachte. Lange Zeit schaute ihm dabei das Militär kritisch über die Schulter, bis es Erdogan gelang, beklatscht von den Europäern, die Generäle von der politischen Bühne zurück in die Kasernen zu verweisen.
Allerdings machte Erdogan als Ministerpräsident die Fortschritte bei den Beitrittsverhandlungen zur EU meist selbst wieder zunichte, in dem er Regierungskritiker ins Gefängnis brachte, mit Polizeistaffeln in Zeitungsredaktionen einfiel und die Proteste im Istanbuler Gezi-Park für Demokratie und individuelle Freiheiten 2013 gewaltsam niederschlagen ließ. Spätestens seit Erdogan 2014 der erste vom Volk gewählte Staatspräsident ist, haben viele junge und moderne Türken resigniert. In einer Gesellschaft, die immer konservativer und islamischer zu werden scheint, sehen sie ihre Freiheiten und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten bedroht.
Dennoch ist Europa und eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union bis heute immer noch offizielles Ziel auch der aktuellen Regierung. Wenn auch das Bekenntnis zu Europa in der letzten Zeit ein wenig heruntergeleiert wirkt, so wie der Gebetsruf eines Muezzins, der verschlafen hat.
Die derzeitige Regierung nimmt Europa nicht mehr so wichtig. Für diejenigen Türken, die mit Erdogans Kurs nicht einverstanden sind, ist Europa aber nach wie vor ein Werteideal und ein Nachbar, von dem sie hoffen, er möge den eigenen Hausherrn hier und da zur Räson bringen.
Andererseits ist die Türkei für Europa nicht nur ein schwieriger Nachbar, ein Wirtschaftspartner und bedeutender Absatzmarkt. Mit seiner Scharnierfunktion zwischen Europa und Asien ist der Nato-Partner Türkei eine geostrategische Größe. Europa kann sich deshalb nicht leisten kann, dass dieses Land aus dem Ruder läuft. Ganz abgesehen davon ist die Türkei das Herkunftsland zahlreicher Muslime, die in der EU leben. Die Türkei zu verstehen, kann auch dazu beitragen, das Zusammenleben in den europäischen Städten zu verbessern.
Während der letzten fast drei Jahrzehnte haben mir zahlreiche Reisen durch das Land geholfen, die Türkei zu verstehen. Sei es mit dem Fahrrad, zu Fuß mit dem Rucksack im Taurusgebirge, mit Bussen und überfüllten Sammeltaxen oder mit dem Auto. Auf vielen Kilometern erfuhr ich ein faszinierendes Land voller Schönheiten und Gegensätze. Überall anzutreffen waren herzliche Menschen, egal ob sie gläubige Muslime, glühende Atatürk-Anhänger oder stolze Kurden waren – sie alle haben es verdient, dass ihre Geschichten erzählt werden.

 

 
 
   


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